Die friedliche Revolution beginnt.
Aufbruch. Formierung der Opposition. Republikgeburtstag. Massenproteste.
Aufbruch. Die Opposition formiert sich.
Mit dem anschwellenden Ausreisestrom aus der DDR ist die politische Krise der SED allgemein sichtbar. Das ermutigt zahlreiche Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen, die bis dahin überwiegend im Schutzraum der Kirchen aktiv waren, mit ihren Forderungen in die Öffentlichkeit zu treten.
Im September 1989 rufen verschiedene Oppositionelle zur Gründung von Bürgerbewegungen, Parteien oder Verbänden auf. Der Staat verweigert ihnen die Zulassung. Doch der Prozess der Erneuerung ist nicht mehr zu stoppen. Der frühe und programmatisch sehr offene Gründungsaufruf des Neuen Forum wirkt als oppositionelle Initialzündung. Neben dem Neuen Forum melden sich die „Sozialdemokratische Partei“ (SDP), die „Bürgerbewegung Demokratie jetzt“, der „Demokratische Aufbruch“, die „Initiative Frieden und Menschenrechte“ sowie die „Vereinigte Linke“ zu Wort. Viele der neuen Organisationen sind durch kirchliche Mitarbeiter und Inhalte, wie den „Konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, geprägt. Besonders die Bürgerbewegungen legen großen Wert auf Basisdemokratie, Offenheit und Transparenz von Entscheidungsprozessen. Gemeinsam fordern sie das Ende der Repressionen sowie freie und geheime Wahlen als Voraussetzung für eine demokratische Umgestaltung in der DDR.
Aufbruch. Die Opposition formiert sich - Bezirk Rostock.
In der Zeit der friedlichen Revolution werden die Kirchen zu Zentren der Information, des Austausches mit anderen Menschen, der Ermutigung und der Planung kommender Aktionen. Die Menschen warten nicht länger auf Handlungsanweisungen zentraler Organisatoren, sondern werden selbst aktiv. In Parchim wird am 4. Oktober in der Wohnung von Wolfgang von Rechenberg die "Interessengemeinschaft Umgestaltung" ins Leben gerufen. In Rostock kommen einen Tag später 600 Menschen zu einer Fürbittandacht für die in Leipzig inhaftierten Demonstranten in die Petrikirche. In Stralsund lädt der Friedenskreis der Marienkirche am 6. Oktober zu einer Veranstaltung ‚Besinnen statt jubeln’ ein, während draußen die Wasserwerfer der Staatsmacht in Bereitschaft stehen.
All diese heute harmlos erscheinenden Andachten und Aktionen haben vor allem von ihren Initiatoren viel Mut erfordert. Noch am 9. Oktober 1989 wies der Leiter der Rostocker Bezirksverwaltung für Staatssicherheit alle Kreisdienststellen an: „unverzüglich eine differenzierte Neubewertung der laut Kennziffer 4.1. (Vorbeugemaßnahmen)… erfassten bzw. bearbeiteten Personen vorzunehmen“. Hinter dieser Kennziffer verbargen sich Pläne der Staatssicherheit, im Spannungs- oder Verteidigungsfall, Oppositionelle zu inhaftieren und in dafür vorgesehenen Lagern zu internieren. In Wolgast wären es die Internatsbaracken auf dem Tannenkamp gewesen, in denen sonst Jungen und Mädchen der Erweiterten Oberschule „Arthur-Becker“ schliefen.
Republikgeburtstag. Die DDR-Führung feiert sich selbst.
Trotz Wahlbetrug, Massenflucht und zunehmenden Protesten zeigt sich die Partei- und Staatsführung fest entschlossen, den 40. Jahrestag der DDR mit dem üblichen propagandistischen Aufwand zu feiern. Zu diesem Ereignis erwartet sie 4 000 geladene Gäste und 70 ausländische Delegationen. Um die Jubelfeiern am 7. Oktober 1989 störungsfrei zu halten, sind die Einheiten der Staatssicherheit angewiesen, etwaige oppositionelle Aktivitäten „mit allen Mitteln entschlossen zu unterbinden“.
Wie immer werden die Feierlichkeiten mit einer Militärparade auf dem Berliner Marx-Engels-Platz eröffnet. Wenige Stunden später redet der an Reformen interessierte sowjetische Staatschef seinen deutschen Genossen vom Politbüro ins Gewissen. Dabei fällt der in abgewandelter Form berühmt gewordene Satz: „Wir sind in einer Etappe wichtiger Beschlüsse. Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort.“ Parallel dazu beginnen auf dem Alexanderplatz die ersten Protestaktionen. Am frühen Abend strömt eine Menschenmenge unter „Gorbi, Gorbi“-Rufen vom Alexanderplatz zum Palast der Republik. Auch aus anderen Städten werden Proteste gemeldet. Die Sicherheitskräfte reagieren „mit allen Mitteln“: Gummiknüppeln, Wasserwerfern und allein in Berlin mit über tausend Verhaftungen. Abseits der Protokollstrecken schlagen sie besonders hart zu. In der Untersuchungshaft werden viele Demonstranten misshandelt und gedemütigt.
Leipzig, 9.Oktober. Die Demonstrationen breiten sich aus.
Bereits seit mehreren Wochen ist die sächsische Metropole Schauplatz der immer größer werdenden Montagsdemonstrationen, die im Anschluss an die politisch inspirierten Friedensgebete in der Nikolaikirche stattfinden. An diesem Tag ist die Atmosphäre besonders angespannt: Viele befürchten ein ähnliches Blutvergießen wie im Juni auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens. Am Vortag wird in der Leipziger Volkszeitung ein Kommandeur der Kampfgruppen zitiert: „Von unserer Seite wird alles getan, um die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten […] Wenn es sein muss mit der Waffe in der Hand.“
Die SED bringt zahlreiche Militärfahrzeuge in Stellung und fordert die Menschen auf, an diesem Tag die Innenstadt zu meiden. Die Angst vor einer Eskalation der Gewalt ist groß. Tatsächlich versammeln sich abends rund 70 000 Menschen, mehr als je zuvor, in den Straßen um die Nikolaikirche und auf dem Karl-Marx-Platz. Von hier aus geht der Demonstrationszug erstmalig um den gesamten Innenstadtring. Der Ruf „Wir sind das Volk!“ wird zur Losung des Tages und das Ausbleiben von Gewalt zum entscheidenden Wendepunkt für die friedliche Revolution.
Nach der großen, friedlich verlaufenen Demonstration in Leipzig trauen sich die Menschen auch in den drei Nordbezirken zu demonstrieren. In vielen kleinen und größeren Städten des Nordens ertönt der selbstbewusste Ruf „Wir sind das Volk“.