Zeit der Doppelherrschaft.
Gegenmacht. Mauerfall. Stabilisierung.

Gegenmacht. Die Opposition erzwingt den Dialog.

Mit dem Verzicht der Regierenden auf eine „chinesische Lösung“ ist der Weg frei für friedliche Veränderungen. Die Massenproteste auf den Straßen und Plätzen des Landes setzen die Partei- und Staatsführung unter permanenten Zugzwang.
Nach internen Auseinandersetzungen tritt Erich Honecker am 18. Oktober als Partei- und Staatschef zurück. Sein Nachfolger, Egon Krenz, verspricht einen „ernstgemeinten innenpolitischen Dialog“ mit dem Ziel, „den Sozialismus in der DDR weiter auszubauen“. Dafür gelte es, die bestehenden „Formen und Foren der sozialistischen Demokratie […] noch umfassender zu nutzen.“ Um die Proteste in beherrschbare Bahnen zu lenken, lässt die Führung „besorgte Bürger“ in den Medien zu Worten kommen, die bezweifeln, dass „die Straße“ der richtige Ort zur Verständigung über gesellschaftliche Probleme sei. Sämtliche Versuche der SED, die politische Initiative zurückzuerlangen, scheitern. Zwar nutzen viele Bürger die neu gewonnene Möglichkeit direkter Gespräche, doch der eigentliche Ort der politischen Auseinandersetzung ist und bleibt die Straße.

Gegenmacht. Die Opposition erzwingt den Dialog - Bezirk Schwerin.

Die Gruppe des Neuen Forums plant für den 23. Oktober die erste Demonstration in Schwerin. Treffpunkt ist die Museumstreppe auf dem Alten Garten um 17.00 Uhr. Da keine Kopiertechnik zur Verfügung steht, werden die Infozettel mit Schreibmaschinen abgetippt und von Hand verteilt. Weder Ort noch Zeit der Demonstration sind darauf angegeben. Ist es Unprofessionalität, oder doch eher Vorsicht, dass diese Informationen lieber mündlich weitergegeben werden?
Die Schweriner Bezirksleitung der SED ist fest entschlossen, die Demonstration des Neuen Forum zu sabotieren. Über Nacht klebt sie in der gesamten Stadt Flugblätter mit einem Aufruf zum Dialog. Zeit und Ort der angekündigten Kundgebung sind dieselben wie für die Demonstration des Neuen Forum - eine Konfrontation ist unvermeidlich.
Die Initiatoren des Neuen Forum lassen sich nicht beirren. Als der Chef der Bezirksleitung zu sprechen beginnt, wenden sie sich im wahrsten Sinne des Wortes ab und beginnen ihre Demonstration. Zehntausende folgen ihnen, darunter auch viele, die die SED eigens zu ihrer Kundgebung herangefahren hat.
Entgegen allen Befürchtungen nimmt die erste Schweriner Montagsdemonstration einen friedlichen Verlauf und wird für viele Menschen ein emotional bewegender Moment des Aufbruchs im Herbst 1989.

 

Mauerfall. Die deutsche Einheit scheint möglich.

Auf einer Pressekonferenz am 9. November verkündet SED-Politbüromitglied Günter Schabowski: Der Ministerrat der DDR hat eine Regelung beschlossen, die es jedem Bürger ermöglicht, „ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen“ in die Bundesrepublik und nach West-Berlin zu reisen. Auf die Nachfrage eines Journalisten, ab wann diese Bestimmung gelte, antwortet der sichtlich überforderte Funktionär: „Nach meiner Kenntnis ... sofort, unverzüglich“.
Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Berliner im Ostteil der Stadt bestürmen die Grenzübergänge. An der Bornholmer Straße öffnen Grenzsoldaten unter dem Druck der Menge eigenmächtig die Schranken. Was nur als Ventil gedacht ist, löst eine Sturzflut aus. Auf dem West-Berliner „Ku-damm“ wird tage- und nächtelang gefeiert. Wildfremde Menschen fallen einander glücklich in die Arme. Auch entlang der Westgrenze kommt es zu Freudenfeiern und Verbrüderungen. „Wahnsinn!“ ist der Slogan dieser Tage. Und schon beginnen die so genannten Mauerspechte mit ihrer Arbeit, die Mauer von Hand abzutragen.
Der Mauerfall und die darauf folgenden Ereignisse ändern den Blickwinkel der Menschen auf die weitere politische Entwicklung in der DDR. Viele stellen sich die Frage: Wie soll es weitergehen? Der von der Schriftstellerin Christa Wolf und anderen Intellektuellen initiierte Aufruf „Für unser Land!“ löst zwiespältige Reaktionen aus: Obwohl sich den Erstunterzeichnern über eine Million Bürger anschließen, provoziert die Aktion gleichzeitig heftige Gegenwehr. Die bislang scheinbar einmütige Bewegung der Bürger zerfällt zusehends in zwei Lager. Eine mögliche Vereinigung beider deutscher Staaten rückt immer weiter in den Vordergrund.
Angesichts der offenen Grenze und der tagtäglichen Enthüllungen über das Ausmaß der wirtschaftlichen Missstände, Amtsmissbrauch und Korruption durch die Partei verlieren immer mehr Menschen das Vertrauen in die eigene Kraft. Auf den Demonstrationen werden die Rufe „Wir sind ein Volk“ immer lauter. Für die meisten ist die Chance der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten das, worauf sie hoffen, worin sie die Zukunft Deutschlands sehen.

 

Stabilisierung. Die Runden Tische regieren mit.

Gestützt auf die Demonstrationen im ganzen Land kämpfen die neuen politischen Bewegungen und Parteien um eine Beteiligung an der Macht. Bereits am 4. Oktober hatten sie sich darauf verständigt, die Einrichtung eines Runden Tisches nach osteuropäischem Vorbild anzustreben. Mit Hilfe dieses Instruments soll die Arbeit der DDR-Regierung und der Volkskammer kontrolliert und freie Wahlen vorbereitet werden. Am 22. November gibt das SED-Politbüro seinen Widerstand auf und signalisiert Bereitschaft. Daraufhin konstituiert sich auf Einladung der evangelischen und katholischen Kirche am 7. Dezember der Zentrale Runde Tisch der DDR. Hier sind die neuen politischen Gruppierungen ebenso vertreten wie die SED und die um ein eigenes Profil ringenden Blockparteien. Neben dem Zentralen Runden Tisch, an dem über eine neue Verfassung verhandelt wird, gibt es eine Vielzahl von territorialen, betrieblichen und thematischen Runden Tischen.
Demokratische Mitbestimmung und vor allem Krisenmanagement sind jetzt gefragt. Die Runden Tische arbeiten in einer innenpolitisch angespannten Situation. Ungebremst wandern DDR-Bürger nach Westdeutschland aus. Durch die ins Stocken geratene Produktion nehmen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten weiter zu. Das Ausmaß der Misswirtschaft in der DDR wird immer deutlicher. In vielen Betrieben kommt es zu Streiks. Und die alte Staatsmacht verfügt immer noch über bewaffnete Kräfte, darunter die zum „Amt für Nationale Sicherheit“ umetikettierte Staatssicherheit.
Unter diesen Umständen wird es zur vordringlichen Aufgabe der Runden Tische, Gewalt, „Anarchie und Chaos“ zu verhindern. Schneller als gedacht finden sich viele Mitglieder der Opposition an Verhandlungstischen wieder und bemühen sich um ein  funktionierendes Gemeinwesen. Die Machtfrage können und wollen sie jedoch nicht stellen.
Unmut und Hass gegenüber den Repräsentanten der SED und der Staatssicherheit äußern sich immer offener. Angesichts dieser steigenden Gewaltbereitschaft seitens der Bevölkerung verfasst die Opposition zahlreiche Appelle, in denen sie zu Besonnenheit und Friedfertigkeit aufruft. Am 4. Dezember vereinbaren die Regierung und verschiedene Oppositionsgruppen eine „Sicherheitspartnerschaft“.

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